10 Erinnerungen an Uppsala

Diese Listen sind ja jetzt total in, und bevor ich in den Zug nach Wien einsteige, springe ich auch noch schnell auf diesen hier auf. Dinge, an die ich mich lange erinnern werde, aber die aufgrund ihrer Alltäglichkeit und/oder Banalität keinen Eingang in eigene Blogbeiträge gefunden haben…

  1. Mit drei Schichten Kleidung und Regenjacke, aber dem Badeanzug untendrunter auf die Uni fahren. Man kann ja nie wissen, ob es am Nachmittag nicht doch warm genug für einen Abstecher zum See ist!
  2. Die Freude jedesmal in der Gemeinschaftswaschküche, wenn mir wieder an der Trockneranzeige aufgefallen ist, dass „Knitterschutz“ auf Schwedisch „Antiskrynkli“ heißt. Wie süß ist das denn.

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    Knitterschutz

  3. Mein Lieblingshausboot am Fyrisån. Dieser Wintergarten! Das würd ich mir einreden lassen.

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    Das Hausboot – man beachte den Wintergarten in der Mitte

  4. Frasse, die Flogstakatze, die sich gerne im Gemeinschaftsgarten aufhält und einen Krieg mit einer grauen Katze aus der Nachbarschaft führt.

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    Frasse

  5. Mit dem Fahrrad durch den Wald auf die Uni fahren und dabei auf SchwammerlsucherInnen und BeerenpflückerInnen treffen.
  6. Beeren pflücken mit dem Beerenpfückgerät, das übrigens eine der ganz großen Errungenschaften der Menschheit ist.

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    Beeren-Ausbeute

  7. Samstägliche Besuche in den besten Secondhandgeschäften überhaupt und dabei zum ersten Mal im Leben Spaß am Einkaufen haben. Der permanente Geruch nach frisch gebackenen Zimtschnecken im besten von ihnen allen.
  8. Am Heimweg bei einer Holzplattform im Park vorbeifahren und feststellen, dass dort Musikanten schwedische Volksmusik spielen und Menschen dazu tanzen, einfach so. Das hat mich wirklich sehr gerührt, nein, es rührt mich immer noch. Es fällt mir ganz schwer, das zu beschreiben. Vielleicht kanns der Alex, der war dabei.
  9. Dass, sobald es warm genug ist, einfach permanent und überall gegrillt wird. Die Donauinsel ist ein Witz dagegen! Häufig wird dabei auch Kubb gespielt, ein lustiges Mannschafts-Holzklotz-Werf-Outdoor-Spiel.

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    Kubb-Spiel in Flogsta

  10. Generell das ruhige, semi-rurale Leben. Auf meinem Radweg in die Arbeit habe ich regelmäßig Hasen in der Stadt getroffen (die neuen Studenten hat man immer daran erkannt, dass sie sie fotografieren), Schafe, die von nebenan arbeitenden Bauarbeitern gestreichelt wurden, und diese von einem Pferdepflug bewirtschaftete Wiese:

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    Wiese am Rand von Uppsala am Morgen

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Nation-itäten

Einiges ist am Studieren in Uppsala dann doch ganz anders, und ganz oben mit dabei ist die Organisation des Studierendenlebens. Uppsala hat ca. 145 000 Einwohner und es ist klar zu spüren, dass ein großer Teil der Bevölkerung Studierende oder mit der Uni assoziierte Menschen sind (vor allem auch jetzt im Sommer, wo man merkt, wie viele Menschen weg sind!). Während ich in der Großstadt Wien immer das Gefühl hatte, einfach ein Teil der jungen Menschen zu sein und halt zufällig auch zu studieren, gibt es hier eine sehr traditionsschwangere und vom Rest abgeschottete Studierendenkultur.

Am deutlichsten sichtbar wird das bei den sogenannten Nations, das sind Studentenverbindungen (ich kann den Schrecken in euren Gesichtern schon erahnen), die es hier schon seit hunderten von Jahren gibt und sehr traditionsschwanger und auf den ersten Blick ziemlich mysteriös erscheinen. Die Nations sind den Regionen Schwedens zugeordnet, wobei dieses Unterscheidungskriterium inzwischen seine Bedeutung fast komplett verloren hat und nun eher andere Faktoren (Wirtschafts-Leute sind bei Stockholm, Öko-Leute bei Kalmar) die Auswahl der Mitgliedschaft beeinflussen. Diese Wahl ist aber sowieso nicht wichtig, denn mit einer Mitgliedskarte kann man an den Aktivitäten bei allen Nations teilehmen.

Puh, also das war mir ja anfangs sehr suspekt. Weiße Studierendenkäppchen, geschlossene Gesellschaft im Anzug und eigene Liederbücher? Hört sich eher nach Akademikerball an als nach einem Umfeld, in dem ich gern Zeit verbringen würde. Aber sehr bald ist mir dann klar geworden, dass dadurch, dass hier ist jede und jeder Studierende Mitglied bei einer Nation ist, das ganze eher eine Organisationsform ist, um ein Studierendenleben in so einer Kleinstadt zu ermöglichen.

Was passiert also in so einer Nation? Stellt euch grundsätzlich mal ein Häuschen vor, so wie dieses hier (manche der Häuser sind auch modern, aber das ist mein Liebstes):

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Västgöta Nation

Darin gibt es dann ein Pub und Fallweise auch Garten oder Terrasse und einen oder mehrere Festsäle, wo Gasques (formale Dinnerparties) stattfinden sowie auch Konzerte, Dancefloorzeug und so weiter, sowie ein Büro, indem administrativer Kram abgewickelt wird. Und dann gibt es noch Gruppen und Spezialaktivitäten, je nachdem wer wo was organisiert, also Chöre und Orchester, Malgruppen, Spieleabende, Yoga, Flohmärkte – was das Herz eben so begehrt.

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Auftritt des Crayfish bei der gleichnamigen Gasque. Crayfish gibt es nur im August, wo sein Verzehr dementsprechend zelebriert wird.

Natürlich wird dadurch, dass nur Studierende Mitglieder in den Nations sein können, eine Blase geschaffen und es werden Menschen ausgeschlossen, das ist eine Schattenseite der ganzen Geschichte, die ich kritisch sehe. Ich habe die Nations dennoch schnell  zu schätzen gelernt. Dadurch, dass alles, von der Administration (die auch das zur Verfügung Stellen von Wohnungen beinhalten kann) bis hin zum Kochen und der Reinigung von den Studierenden selbst organisiert ist, entsteht ein sehr durchlässiges System, in dem eine Person gleichzeitig konsumieren und beitragen kann, und das erschafft eine unglaublich angenehme Stimmung und macht es sehr leicht, Leute kennenzulerenen.

Und ich finde es sehr schön, dass es hier die Möglichkeit gibt, in so etwas wie einem selbst organisierten Betrieb mitzuarbeiten und sich so abseits vom oft theoriedominierten Studium als produktives Mitglied dieser kleinen Subkultur erleben zu können. Fast erscheint es mir manchmal wie ein Hauch von kommunalem Leben, wo der Gruppen von Menschen die Dienstleistungen, die gebraucht oder gewollt werden, selbst organisiert füreinander zur Verfügung stellen. Wo sich Menschen, die Lust haben, etwas bestimmtes zu machen, einfach zusammentun und genau das machen, und wo Geselligkeit so stattfinden kann, dass man sich in einem gemeinsamen Raum trifft und mal die einen, mal die anderen kochen und ausschenken. Vielleicht ist das ein Phänomen der Kleinstadt oder generell von kleinen Gruppen.

(Bilder: Västgöta nation, Thesi)

Lofoten und Kebnekaise

Ich bin ja zum Arbeiten hier und nicht zum Vergnügen. Aber weil das wissenschaftlich schuftende Hirn auch einmal ausgelüftet werden will, bin ich mit ein paar lieben Menschen auf die Lofoten gefahren.

Was soll ich sagen: Wunderschöne Berge und moosbewachsene Steine, alles ein bisschen in Alpenromantik, und daneben aber Strände und das Meer und süße Fischerdörfchen – könnte fast ein bisschen kitschig sein, wenns nicht so wunderschön und atemberaubend wäre. Ich lasse einfach mal die Bilder für sich sprechen:

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Teilweise war’s ein bisschen abenteuerlich, denn die ersten zwei Tage hat es geregnet und mein lieber Alex hat mir zwar zuverlässig das Zelt nach Uppsala gebracht, aber die Stangen hätte ich vielleicht extra bestellen müssen. So waren die Nächte recht kuschlig und/oder unbequem zu dritt im 2-Mann Zelt bzw. im Auto, aber zum Glück waren alle meine Mitreisenden dennoch sehr entspannt und generell eine ganz vorzügliche Reisegesellschaft.

Am Rückweg sind dann Astrid und (nach einigem Zögern) ich noch auf den Kebnekaise marschiert, das ist der höchste Berg in Schweden. Mit 2100m nicht gerade ein Gigant steht dieser für sich recht uncharmante Felshaufen in Lapland. Der 5-stündige Anmarsch zum Basislager und die darauffolgende 12-stündige Wanderung lohnen sich aber, denn der Ausblick oben ist unvergleichlich. Seht selbst:

 

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Am Gipfel vom Kebnekaise

Zwei Dinge habe ich auf dieser Wanderung gelernt. Erstens: Auch wenn ich mich zunächst heftigst gegen nationale Schubladisierung gewehrt habe – Österreicher sind offenbar ganz gut im Wandern. Als nicht überhaupt nicht trainierter Mensch und alles andere als distinguierte Bergsteigerin in der Heimat ist mir doch nicht entgangen, dass ich bergauf einfach schneller unterwegs war als die meisten (sehr sportlichen) Schweden. Trotz ausgeprägter Gipfeltrödelei und Knieverletzung war ich in 10 Stunden wieder unten, was mich schon ein kleines bisschen stolz macht.

Zweitens: Es ist nicht Höhenangst, wenn es Vernunft ist. Gemäß dem nächsten nationalen Klischee bin ich überhaupt nicht höhenscheu. Aber wenn man auf den Gipfel vom Kebnekaise klettert, dann findet man dort neben der Wahnsinnsaussicht auch das:

 

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Der Grat!

Einen wirklich schmalen, wirklich eisigen Grat, der zur etwas niedrigeren Südspitze des Kebnekaise führt. Ich hatte davor schon davon gehört und mir gedacht, da könnte man ja mal rüberschauen. Aber als ich am Gipfel war und den matschigen, rutschigen Schnee unter mir gespürt habe, habe ich mir das Ganze nochmal genauer betrachtet, festgestellt, dass es da schon sehr weit runtergeht und mich dann doch fürs Leben entschieden. Was eine gute Idee war, weil nachher habe ich erfahren, dass nicht einmal die Bergführungen da hingehen, nur ausgebildete Seilschaften, und dass dort schon Leute gestorben sind. Hui, da kann man schon demütig werden!

Abgesehen von dieser psychischen Grenzerfahrung und der Tatsache, dass es ein langer Hatscher ist, war der Berg aber wirklich sehr kommod. Inklusive Rentier und Sackrodeln über Gletscher am Weg hinunter. Ich hoffe, mein Knie wird bald wieder, weil ich habe richtig Lust bekommen, die heimischen Berge auch unsicher zu machen, wenn ich wieder da bin!

Wieder in Wien

Ich bin ja jetzt schon seit längerem wieder in Wien gelandet, aber das Ankommen hat ziemlich genau 3 Monate gedauert, wie mir (ich weiß nicht mehr von wem) angekündigt wurde. Schön wars in Schweden, und schwer ist es gleichzeitig, zu begreifen, dass ich dort war, und dass ich nicht mehr zurückggehe.

Ich habe noch ein paar Blogeinträge übrig, deren Text ich schon seit längerem fertiggestellt hab, die aber noch drauf warten mussten, dass ich die dazugehörigen Fotos auf den Laptop spiele (dessen Speicher voll war, was das ganze ungebührlich in die Länge gezogen hat), und die ich jetzt noch veröffentlichen werde.

Danke euch fürs Lesen und auch fürs Kommentieren, und danke an alle, die mir dieses Erlebnis möglich gemacht haben und auch an die Menschen, die die Zeit für mich zu so einer besonderen gemacht haben. Das waren wirklich schöne und wichtige Erlebnisse für mich, für die ich sehr dankbar bin und die ich nicht missen möchte.

In diesem Sinne, alles Liebe!

Thesi

Walpurgis in Uppsala

Walpurgis (schwedisch: Valborg) ist in Skandinavien der Höhepunkt studentischer Feierlichkeiten und bringt besonders in Uppsala einige lustige Gebräuche mit sich, von denen ich gern erzählen will. Auch außerhalb der universitären Tradition hat der 30. April hier Bedeutung, weil es um die Zeit so richtig mit dem Frühling losgeht. Und dass der hier ganz besonders sehnlich erwartet wird, könnt ihr euch wahrscheinlich vorstellen.

Vormittags laden die Engineering-Students zum alljährlichen Bootrennen am Fluss. „Boote“ ist vielleicht etwas hochgegriffen, es handelt sich mehr um lustig gestaltete Schaumstoff-Floße, mit denen sich die Mann- und Frauschaften begeistert die kleinen Fyris-Wasserfälle hinunterwerfen. Dabei zerlegt es meist einige der Boote und die Insassen landen im kühlen Nass. Ich glaube, wer vollzählig unten ankommt, bekommt eine Auszeichnung. Hier ein paar Eindrücke:

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Zu den zivilisierteren Teilen des Festes gehören das Picknick im Ekonomikum-Park, wo man socializen und gemütlich essen kann, bevor mit fortschreitender Tageszeit immer mehr immer stärker alkoholisierte Menschen die Szenerie dort prägen. Auch sehr gediegen ist die Rede der Universitätskanzlerin vor der alten Bibliothek, gefolgt von Chorgesang (hier wird ganz viel in Chören gesungen), um den Frühling zu begrüßen. Das war ein sehr erhebendes Gefühl, auf diesem Hügel zu stehen, die Sonne auf der Nase, den Chor im Ohr – mein Schwedisch hat gerade ausgereicht, um zu verstehen, dass „der Frühling ist gekommen“ gesungen wird und ich war richtig gerührt. Dabei habe ich nicht mal den Winter hier durchgestanden, nur einen regen- und schneereichen April. Schön ist auch, dass die versammelten Studierenden nach der Rede alle mit ihren weißen Käppchen wedeln und sie dann aufsetzen, was besodners aus der Ferne nett aussieht. Diese „Student Caps“ bekommt man hier zur Matura und sie werden bei offiziellen Anlässen getragen, der Tradition folgend aber nicht den Winter über (dabei wäre wohl gerade da ein warmer Kopf wünschenswert, aber die werden schon wissen, was sie tun).

 

Die frisch bekappten Studierenden laufen anschließend den Hügel hinunter, viele direkt zum „Champagne-Galopp“, den es soweit ich weiß nur in Uppsala gibt. Das funktioniert so, dass man sich in den Student Nations (über die ich noch berichten werde) versammelt, Musik aufgelegt wird und tanzt und sich dann gegenseitig mit Champagner (in der Praxis meist: billiger Schaumwein) vollsprüht. Naja. Ich habs mir angeschaut und muss sagen, es hatte in seiner Ausgelassenheit schon etwas sehr frühlingshaftes, aber einmal reicht.

Am Abend ist alles voller Partys und obendrein gab es das riesigste Walpurgisfeuer, das ich in meinem Leben gesehen habe:

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Alles in allem ein sehr frühlingshaftes Fest mit vielen schönen Traditionen und, wohl weil es Schweden ist, auch viel Alkohol. Was aber besonders beeindruckend war: Obwohl im Innenhof meines Wohnblocks eine ziemlich laute Party bis in die frühen Morgenstunden war, war am nächsten Tag am Vormittag alles weggeräumt und sauber, als wäre nie etwas gewesen. Ein bisschen unheimlich war mir das schon. Auch das war so, weil es Schweden ist, hat man mir später erklärt.

Studieren auf Skandinavisch

Jetzt bin ich also mittendrin im Bildungssystem, an dem sich Resteuropa immer ein Beispiel nehmen will. Aber was ist jetzt wirklich anders? Und ist das nicht alles übertrieben?

Erstens ist natürlich klar, dass ich nur einen winzigen Ausschnitt mitbekomme. Ein Institut an einer – und zwar einer nicht mal besonders großen – Uni. Zweitens kann ich nicht einmal darüber erzählen, wie die Lehrveranstaltungen hier so ablaufen, weil ich ja nur hier bin, um meine Masterarbeit zu schreiben. Ich bin übrigens eine von zwei Masterarbeitsschreiberinnen am Ökologie-Institut der SLU, der Rest der Menschen hier sind DoktorandInnen, ProfessorInnen, wissenschaftliches Personal und einige französische StudentInnen, die hier sowas wie eine Projektarbeit machen.

Dadurch, dass Masterstudierende hier eher die Ausnahme sind, sind Nina (so heißt die zweite im Bunde) und ich hier sehr fest eingegliedert in den Instituts-Berufsalltag, und das ist vielleicht auch eine interessante Perspektive. Oder vielleicht auch nicht so interessant, denn das ganze ähnelt frappant einem 40-Stunden Job: Wir kommen um 9 (ich meist etwas später) und gehen um 5, nicht weil wir müssten oder jemand darauf achten würde, wann wir da sind, sondern einfach, weil es alle so machen und weil es angenehm ist, eine Routine zu haben.

Und vielleicht auch ein bisschen wegen dem wirklich sehr angenehmen Umfeld hier. Um 10 Uhr ist Fika, das ist Kaffeejause auf schwedisch und wird hier sehr wichtig genommen. Wie wichtig, sieht man unter anderem daran, dass von der Universität jeden Tag gratis Bio-Obst zur Verfügung gestellt wird, das auch fleißig zum (ebenfalls kostenlosen) Tee und Kaffee verjausnet wird. Wirklich angenehm finde ich dabei, dass man sich ganz ohne Skrupel überall dazusetzen und mit allen quatschen kann. Zu Mittag wiederholt sich das ganze Procedere etwas verändert: Da werden die selbst mitgebrachten Jausen in den 8 Mikrowellen (die zu Stoßzeiten auch mal alle besetzt sind) aufgewärmt und wiederum wird gemeinsam gespeist. Ich finde es in einem Arbeitsfeld, in dem man viel Zeit allein vorm Computer verbringt, sehr wertvoll, solche sozialen Fixpunkte zu haben.

Und wenn wir schon bei Fixpunkten sind, möchte ich ein kleines Loblied anbringen auf das, was ich hier am Allerbesten finde: Die Betreuung. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich hier jede Woche Teambesprechung mit meinen beiden Betreuern (die übrigens die besten Betreuer der Welt sind!) haben würde. Um fair zu sein, ich glaube, ich habe auch besonderes Glück. Erik, mein Hauptbetreuer, ist einfach unfassbar nett und engagiert und ich bin im Moment seine einzige Masterarbeitsstudentin. Und Yoan, der ist Postdoc hier, arbeitet am gleichen Projekt wie ich und ist nebenbei ein lustiges und freundliches Statistikgenie. Obwohl er selbst unglaublich viel arbeitet, nimmt er sich immer Zeit, wenn ich Fragen zu einer Analyse habe, und meist ist seine Antwort sowas wie „Ach, du willst das machen? Ja, das hab‘ ich mit meinen Daten auch schon gemacht, warte mal, hier hab ich irgendwo einen R-Code…“ Für die zwei bin ich wirklich unendlich dankbar, und ich könnte hier noch Absätze lang so weiterschwärmen, wenn ich nicht fürchten würde, dass das langweilig für euch würde.

Ja, es ist eine Masterarbeit und deshalb ist es trotz allem eine Herausforderung. Auch ich kämpfe mit Datenchaos, mit Analysemethoden und mit dem schieren Wust an zu bedenkenden Faktoren. Und ich habe das Gefühl, die bestmögliche Unterstützung zu bekommen. Aber ist das nun das überlegene skandinavische Bildungssystem, von dem ich hier profitiere? Ja, würde sagen, zumindest zum Teil.

In einigen Aspekten hatte ich einfach Glück. Es ist zum Beispiel nicht selbstverständlich, einen Arbeitsplatz zur Verfügung gestellt zu bekommen. Und ich weiß, dass es auch hier Betreuungsituationen gibt, wo es einfach nicht so gut passt oder die einfach viel weniger intensiv sind.

Dem System ist es aber zum Beispiel geschuldet, dass es hier tatsächlich üblich und vorgesehen ist, eine Masterarbeit in einem Semester abzuschließen. Das bringt eine andere Herangehensweise mit sich, als wenn der/die BetreuuerIn von vornherein erwartet, dass es ein Jahr oder länger dauert. Und auch Teil des Systems ist das ganz andere Betreuungsverhältnis als in Wien, und ich habe den Eindruck, dass das nicht nur auf meinem Institut so ist. Ich meine das sowohl quantitativ (wenige Studierende pro BetreuerIn) als auch qualitativ (im Sinne von antihierarchisch und unterstützend). Aber auch abgesehen von diesem einen sehr wichtigen Sozialkontakt mit der Betreuungsperson wird hier viel Wert auf soziale Aktivitäten und Rundumwohlsein gelegt. Von der Fikakultur habe ich ja schon erzählt, und es gibt auf der SLU z.B. auch einen Fitnessraum, soweit ich weiß sogar mit Sauna, sowie jede Menge selbstorganisierte Gruppenaktivitäten. Ich gehe z.B. jeden Donnerstag zu Mittag eine halbe Stunde auf ein anderes Insitut zur Tanzgruppe. Am Weg zurück treffen wir manchmal den Chor, der auch zu dieser Zeit probt. Und dann findet auch gerade am Ökologieinstitut das „Papermaché your study organism“-Projekt statt, bei dem ich auch fleißig mitmache und das es sogar in die Lokalzeitung geschafft hat.

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Um zum zusammenfassenden Schluss zu kommen: inhaltlich merke ich keine großen Unterschiede zu Wien, aber in der sozialen Kultur ist vieles ganz anders und ich vermute, dass es das letztendlich ist, was den Unterschied im skandinavischen Universitätssystem ausmacht. Denn das System besteht ja auch immer aus den Menschen, die es praktizieren. Und die Menschen hier sind systematisch sozial. Fika forever!

(Papermaché-Bild: unt.se)

 

 

Knospe Knospe knäuschen

Okay, vielleicht nicht das eleganteste aller Wortspiele. Jedenfalls, der Frühling war lang für mich dieses Jahr, erst Februar und März in Wien, dann April und Mai in Schweden. Es hat mich schon sehr gejuckt. Das Schöne daran war, dass ich dadurch Gelegenheit hatte, mich viel mit Knospen und jungen Blättern und deren Verwendungsmöglichkeiten auseinanderzusetzen. Und weil meine liebe Mitbewohnerin Annika, die Wirtschaft studiert und jetzt nicht so der klassische Birkenstockschlapfenöko ist, das total spannend gefunden und mich beim Sammeln begleitet hat, hab ich mir gedacht, das ist vielleicht auch für andere Menschen interessant und ich erzähle euch ein bisschen was darüber.

Dass junges Grün gesund ist und gut schmeckt ist ja nicht neu, man denke an Sojabohnensprossen oder Artischocken. Dass auch die Knospen vieler Gehölze essbar sind – und teilweise ausgezeichnet schmecken – ist weniger bekannt. Zugegeben, es ist auch nicht gerade wirtschaftlich, die zarten Knöspchen von den Ästen zu fizeln. Mindestens zwei Drittel davon sollten sowieso am Ast bleiben, damit der sich weiter versorgen kann und nicht abstirbt. Bei reinen Blütenknospen (zum Beispiel die Kätzchen von Birke und Hasel) kann man auch mal ungehemmter zugreifen, aber ganze Kübel wird man auch hier nicht nach Hause bringen – die Dinger sind eben klein und obendrein schwer zu erreichen. Die Dimensionen der Ausbeute sind eher so:

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Dafür stecken sie voller guter Inhaltsstoffe und man kann viele feine Dinge damit machen. Am Einfachsten ist es, sie ganz in Salate zu geben oder in Smoothies zu mixen. Meine Lieblingsvariante von Letzterem ist Bananen-Hafermilch mit Kardamom und verschiedenen Blattknospen – Vogelbeere, Birke und Rose waren ganz vorne mit dabei.

Viel Freude auf meinem Institut verbreitet hab ich auch mit der Birkenknospenschokolade (die Anregung hab ich auch aus diesem Buch von Gabriela Nedoma). Dazu hab ich die Kätzchen vor dem Aufblühen gesammelt und in über einem Wasserbad geschmolzene Bitterschokolade geworfen, die ich dann auf einem Blech ausgestrichen und erkalten habe lassen. Das Foto ist leider nicht besonders gut, aber so ungefähr hat das ausgeschaut:

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Jeder beschreibt den Geschmack der Knospen anders, ich finde, dass eine rosige Note dabei ist, andere finden es mehr nussig oder einfach „naturmäßig halt“. Was in jedem Fall ein großer Gewinn ist, ist die Konsistenz: nicht ganz so luftig wie Puffreisschokolade, aber in die Richtung gehend. Mit jungen Knospen funktioniert es übrigens am besten. Bei der zweiten Ladung, als sie schon kurz vorm Aufblühen waren, sind sie ein bisschen trockener und spröder geworden.

Mir gibt das Sammeln von Essbarem in der Natur immer ein Gefühl von Selbstermächtigung. Ich verstehe dann plötzlich, warum alte Männer alleine Fischen gehen. Manchmal fühle ich mich auch ein bisschen isoliert. Leute beäugen die Sachen interessiert, die ich gesammelt und zu Hause rumliegen habe, und dann sage ich, sie können gerne kosten, ist auch alles abseits von großen Straßen gesammelt und gewaschen, aber dann ist doch die Hemmschwelle zu groß. Ich verstehe das, schließlich haben wir alle eine mehr oder weniger lebenslange Konditionierung auf in Plastik eingeschweißte und daher vermeintlich „sichere“ Lebensmittel (apropos: Bald ist Plastic Free July!). Aber es macht mich auch ein bisschen traurig, dass das so ist. Und auch wenn ich jetzt klinge wie eine Baumkuschlerin (und das vielleicht auch bin, wer weiß? – ich verrate nichts), bin ich sehr dankbar und demütig dafür, dass es möglich ist, einfach in den Wald zu gehen und etwas von den Bäumen zu mampfen. Oder sich die Haare damit zu spülen. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

 (Titelbild: oldschoolman.de)

Schmetterlinge zählen

Ja, das ist gerade mein Job. Und ja, ich mache das sehr gerne.

Ich stehe meistens so um sieben auf, dann habe ich noch viel Zeit, denn mein Schmetterling ist von mediterraner Gemütlichkeit – er steht um zehn auf und geht um vier wieder schlafen. Ich schaue also, wie das Wetter so ist, und wenn es gut ist (also trocken und warm), plane ich eine Route durch verschiedene Domizile des zweibrütigen Würfeldickkopfs (so heißt er nämlich). Bewaffnet mit einem Klemmbrett und einem Fangnetz hirsche ich dann also durch die Gegend, fange manchmal erfolgreich Schmetterlinge ein, um sie mir aus der Nähe anzuschauen, die Art zu bestimmen und sie dann wieder freizulassen. Wenn ich einen nicht fangen kann, muss ich ihn aus der Ferne bestimmen, mich also statt auf das genaue Flügelmuster auf Flugverhalten, Farbe und Größe verlassen, und dann bin ich ganz froh, dass es hier nicht so viele unterschiedliche Arten gibt.

Der zweibrütige Würfeldickkopf hat übrigens einen ausgezeichneten Wohngeschmack – er lebt nämlich auf Trockenrasen, und wer jetzt an alpine Kuhweiden denkt, ist schon nah dran, nur dass wir hier nicht in den Alpen sind, sondern am Meer, was dann etwa so aussieht:

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Ist das Wetter schlecht, kartiere ich neue Habitate, sprich ich laufe ebenfalls durch die Gegend, suche aber statt nach Schmetterlingen nach dem kleinen Mädesüß, der bevorzugten Brutpflanze des zweibrütigen Würfeldickkopfs (die Namen sind kein Scherz), sodass entweder ich oder nachfolgende Lepidopteristengenerationen später einmal nachsehen können, ob er dort auch lebt. Warum mich das interessiert, werd ich auch mal erklären, aber nicht jetzt.

Jetzt erzähle ich lieber noch, wohin ich nach so einem Tag im Felde heimkomme, ich wohne nämlich gerade auf einem Campingplatz, und zwar in diesem Häuschen hier:

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Das ist so ungefähr das Glück auf 10 Quadratmetern. Es ist hat einen Tisch und zwei Stockbetten und einen Kühlschrank, und wer mein altes Bad oder mein jetziges Zimmer in Wien kennt, weiß um meine besondere Beziehung zu kleinen Räumen und kann sich vorstellen, wie wohl ich mich hier fühle. Die Antenne ist das Lieblingsklo der ganzen Campingplatzvogelschaft, was man an täglich neuen Vogelkotflecken auf den Holzdielen sehen kann, aber wo ökologische Forschung ist, da dürfen eben auch Tierexkremente nicht fehlen.

Ich war noch nie länger auf einem Campingplatz, und schon gar nicht allein. Einsam bin ich nicht, eher eingekehrt. Es ist schon interessant, was so alles daherkommt, so aus einem heraus, wenn man alleine ist. Ich glaube, es ist ein bisschen wie im Kloster, nur mit einer gestrengen Campingplatzbesitzerin statt einem Abt und einem See statt dicken Mauern. Jetzt wird das ganze hier ein bisschen besinnlich und ein guter Schlussatz fällt mir nicht ein, also kommt hier noch ein Foto vom See, denn dem See ist ohnehin nichts hinzuzufügen.

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 (Titelbild: lepinet.fr, Rest: selbstgemacht)

Varmt välkomna!

Liebe Freunde und Familienmitglieder, die an Orten wohnen, an denen ich gerade nicht bin, liebe Daheimgebliebene,

jetzt überwind‘ ich doch einmal meine Hemmschwelle, in die online-Halböffentlichkeit zu treten und versuche mich an diesem Blog. Das wird kein Reisebericht mit lauter grinsenden Menschen vor schönen Landschaften und Bauwerken, ich bin ja auch nicht zum Urlaub machen hier. Naja, ein bisschen Landschaft und Bauwerke kommen vielleicht schon auf euch zu, aber die Idee ist eher, euch grundsätzlich auf dem Laufenden zu halten, was ich so treibe, weil wir uns ja nicht sehen. Daher rechnet mit einem vielleicht nicht immer meisterlich strukturierten Gemisch von Dingen, die ich interessant finde und gerne teilen möchte. Ich werde von emotionaler Erpressung, alles hier genau zu lesen, absehen und hoffe, ihr seht es mir dafür nach, sollte ich den Blog irgendwann einschlafen lassen. Und ich freue mich natürlich über Nachrichten von euch, entweder hier in den Kommentaren oder auf anderen Kanälen!

Nachdem das Administrative damit geklärt ist: Schweden ist wunderschön! Ich fühle mich wie in einem Pettersson und Findus Buch. Es ist merklich viel Platz hier, und wo sich in Österreich Rapsfelder an Maisfelder drängen, rollen hier sanfte Hügelchen mit viel Weideland und Wald in frischem Frühlingsgrün vor sich hin und zwischendrin stehen vereinzelte rote Holzhäuschen, über denen die Sonne kaum noch untergeht. Ich esse viele Zimtschnecken und erfreue mich daran, dass die Menschen alle so freundlich sind (was mir zugegeben noch an jedem Ort außerhalb von Wien so vorgekommen ist). So, jetzt aber genug geschwärmt, Detailberichte folgen nach und nach!

Alles Liebe ins politikdurchbeutelte Österreich und auch sonst überallhin!